Bemerkungen
in der Zeitschrift Lernen fürs Leben (2004) im Text Tipps vom Neurolabor
In Mathematik und in den Naturwissenschaften stehen heute Themen auf dem schulischen Lehrplan, die noch vor wenigen Jahrhunderten selbst gelehrten Geistern Rätsel aufgaben. Zwischen ihren Irrtümern und den Missverständnissen heutiger Schüler gibt es an manchen Stellen Parallelen, die Lehrer kennen sollten, um bestimmte Fehler ihrer Schüler besser zu verstehen. Lehrer können sich gegenwärtig aus der Wissenschaftsgeschichte mehr Anregung für guten Unterricht holen als aus der Hirnforschung.
Als Wissenschaftlerin aber, die zum schulischen Lernen arbeitet, setze ich durchaus einige Hoffnungen in die Möglichkeiten der Hirnforschung. Erkenntnisse der Lernforschung beruhten, bislang meist auf Daten, die durch Befragung, Verhaltensbeobachtung oder Leistungsmessung gewonnen wurden. Ein zusätzlicher Blick ins Gehirn könnte für manche Forschungsfragen durchaus von großem Nutzen sein - wie etwa zur frühzeitigen Diagnose potenzieller Sprachstörungen bereits in den ersten Lebensmonaten, so dass Fördermaßnahmen früher einsetzen könnten.
in der Zeitschrift Lernen fürs Leben (2004) im Text Tipps vom Neurolabor auf Seite 33
Dass gute Lehrer wissen sollten, wie Lernen funktioniert, ist von Vertretern der Gehirnforschung häufig zu hören. In der Lehr-Lern-Forschung wird dieses Anliegen ebenfalls vertreten. Der Begriff des pedagogical content knowledge (fachspezifisches pädagogisches Inhaltswissen) ist seit vielen Jahren in der Lehr-Lern-Forschung etabliert. Darunter versteht man die Zusammenfiihrung von Wissen über den Inhalt und Wissen über Pädagogik (Staub/Stern 2002). Gute Lehrer haben eine Ahnung von dem Vorwissen, das ihre Schüler über den unterrichteten Inhaltsbereich mitbringen und berücksichtigen dies. Sie ahnen auch, aufweichen Missverständnissen bestimmte Fehler der Lernenden beruhen, und sie können auf Fehler und Defizite ihrer Schüler mit gezielten Übungsaufgaben oder Erklärungen reagieren. Wissen über Neurotransmitter oder die Rolle von Hippocampus und Mandelkern bei der Informationsverarbeitung allein reicht nicht aus, um die Schwierigkeiten der Schüler zu verstehen. Für jeden unterrichteten Inhaltsbereich muss derartiges Wissen erarbeitet werden, und von der Wissenschaftsgeschichte und der Entwicklungspsychologie können Lehrer hier mehr profitieren als von der Gehirnforschung.
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